Schmidt Fritz

1938-04-13
Limmritz, den 13.4.1938
Meine lieben Kinder! Da ich jetzt Zeit habe will ich an Euch auch gleich schreiben um Euch fürs Erste ein recht frohes Osterfest zu wünschen! Ja, ich sage, da ich jetzt Zeit habe, da staunt Ihr gewiß und fragt Euch, wie ist das mit einem mal möglich?
Der Grund ist folgendermaßen: Ich bin von meinem Freund Mäding, welcher noch Rache seit November 1935 auf mich hat, bei der Firma in ganz gemeiner Weise angeschwärzt worden. Ich habe darauf als Antwort meine Kündigung eingereicht und nach Ablauf meines Urlaubs um meine Entlassung gebeten, denn mir ist der ganze Laden hier aber gründlich verleidet! Da man aber an höherer Stelle sieht, daß es dieses Mal bei mir Ernst ist, setzt man alles daran um mich zu halten. Man hat die Kündigung zurückgewiesen und meint, wenn sich etwas zu meiner Belastung herausstellt, bekäme ich auch ohne meine Kündigung meine Entlassung!
Ich habe mich auch damit einverstanden erklärt und gesagt, daß ich meine Werkswohnung sofort räume! Ferner habe ich erklärt, daß ich mich auf irgend welche Verhandlungen mit der Gegenpartei auf keinen Fall einlasse - ich habe nun genug!
Wegen dem eventl. Unterstellen der Möbel d.h. vorläufig, und wegen der eventl. Wohnung habe ich schon vorgesorgt und alles ist perfekt, denn ich will in Limmritz, wenn irgend möglich bleiben, weil ja früher oder später einmal an Muttels Seite wieder mein Platz noch frei ist! Sollte in L.St. wirklich Schluß werden, dann kann ich bei Rockhausen, Waldheim, als Reparaturschlosser oder bei Liebich u. Gürttler, Döbeln, als Schlosser vorläufig arbeiten bis ich eventl. wieder als Angestellter eine Stellung finde, und wenn nicht, nun so reicht es für mich auch im erstgenannten Falle zum Leben, und ich sehe nicht ein, warum ich mir hier bei L.St. meine alten Tage verbittern oder mein Leben durch langsamen Selbstmord verkürzen soll!
So leicht, wie ich das heute schreibe, ist mir der Entschluß aber nicht geworden! Ich habe erst mal über 14 Tage im Betrieb gekämpft, konnte weder essen noch schlafen und war am Ende meiner Nerven und Kräfte, und da trat der apatische Zustand ein, in dem man sich sagt, mir ist jetzt alles egal, macht mit mir was ihr wollt, aber laßt mich raus, ich habe genug!
Nun bin ich in Urlaub und will diesen folgendermaßen verbringen: Bis einschließlich 1. Feiertag will ich hier bleiben, denn ich erwarte jeden Tag Walter! Am 2. Feiertag früh will ich nach Thüringen in den Wald, in irgend eine ruhige Ecke, wo es mir gefällt, und wo sich meine Nerven wieder erholen sollen!
Über meine weitere Zukunft macht Euch bitte keine Sorgen, denn ich mache mir auch keine! Noch nie hat bisher das Schicksal einen Schmidt in die Knie zwingen können, und ich glaube, es wird ihm auch bei dem jetzigen 'Senior' nicht gelingen.
Gestern früh war ich gleich bei Muttel am Grabe. Der Friedhofsgärtner hatte vorgestern die Kränze abgeräumt und einen Hügel gemacht, auch sonst alles so halbwegs an der Grabstelle in Ordnung gebracht! Ich bin gleich zum Gärtner gegangen und habe 30 Stück schöne große blaue Stiefmütterchenstöckl gekauft und der Gärtner hat den Hügel gestern nachmittag noch bepflanzt. Sonst kann ich ja vorläufig nichts tun. .......

Limmritz, den 13.5.1938
Meine lieben Kinder!
Heute nachmittag erhielt ich Euern Eilbrief und danke Euch recht herzlich dafür! Ich freue mich natürlich, lieber Herbert, wenn Du herkommen willst, mir tat es nur leid, weil Du im Dienst so gehetzt wirst, deshalb schrieb ich den Brief an Euch.
Nun mein lieber Junge, die Sache mit dem Herrn Dir. Funke reden, wollen wir doch erst nochmals hier alle zusammen durchsprechen. Ihr braucht nicht etwa glauben, daß ich hier im Ort mit niedergeschlagenen Augen herumlaufen muß, aber ich habe bisher im Leben noch nichts mit dem Gericht zu tun gehabt und will es auf meine alten Tage nun auch nicht!
Gestern war mein Stellvertreter Arnold bei mir in der Wohnung und sagte, der Chef und Herr Hartig hätten unter allen Umständen gewollt, daß ich mich stellen soll, und nach Bereinigung der ganzen Sache sollte ich weiterarbeiten! Ich will aber hier raus, ich habe genug hier geschuftet, und wenn man das so nicht einsieht und mir nicht glaubt, so ist und bleibt das für mich der einzige Ausweg! Will es das Schicksal, daß ich keine Stellung in meinem Alter mehr finde, nun dann muß es eben anders gehen!
Doch wir wollen alle zusammen die Sache erst mal durchsprechen!
Mit herzl. Grüßen an Euch liebe Kinder verbleibe ich Euer
alter Vater.
Anmerkung Karl Herbert Schmidt, 1974: Die 'Durchsprache' endete leider damit, daß Vater seinen Entschluß als unabänderlich bekräftigte und sich jede Einmischung verbat. Wir mußten ihn gewähren lassen, weil zu diesem Zeitpunkt - 5 Monate nach Muttels Tode - noch immer akute Gefahr für eine Kurzschlußreaktion bestand.

1958-10-19
Zum Lebensbericht meines Vaters.
Ich war meinem Vater mehrmals mit dem Wunsche lästig gefallen, er möge doch etwas über das Leben seiner Eltern und Großeltern niederschreiben. Als ich einsehen mußte, daß er nicht mochte - wahrscheinlich weil er dabei Werturteile hätte abgeben müssen - beschränkte ich meine Bitte auf seinen eigenen Lebenslauf. Auch mit dieser Aufgabe hat sich mein damals fast 74jähriger Vater offensichtlich schwer getan, obwohl er sonst recht schreibgewandt war. Mit dem Ergebnis seiner Bemühungen muß er indes zufrieden gewesen sein, sonst hätte er keine Kopien für seine Enkel dem Briefe an mich beigefügt. Er schrieb mir:

Vallendar, den 19.10.58.
Lieber Herbert!
Beifolgend erhälst Du durch Kurt den versprochenen Lebens-Bericht in 3facher Ausführung, je einmal für Heiner u. Anne falls es Sie für später intressiert. Kurt war so liebenswürdig sich die Mühe zu machen und alles mit Maschine zu schreiben. Solltest Du noch irgend welche Rückfragen in dieser Angelegenheit haben, so wende Dich bitte an Kurt und Hilde, denn ich habe bei Ihnen meine sämtlichen Originalpapiere gelassen. Morgen früh 9.20 Uhr (20.10.) fahre ich zurück nach Kassel. Seit alle herzlichst gegrüßt von Eurem Vater/Opa.
Mein Schwester-Herze fügte am 16.11. hinzu:
Falls der große Bieter [Anmerkung Alexander Schmidt, 2003: gemeint ist Karl Herbert Schmidt] die Papiere von Vatel verwahren will - zumal er doch die ganze Erbgeschichte 'deponiert', bitte uns wissen lassen. Wir senden sie dann postwendend.
Herzl. Hilde, Kurt u. Jungs.
Das habe ich mir nicht zweimal sagen lassen - und daher stammen die Schätze unseres Familien-Archivs.
[Unterschrift:] Karl Herbert Schmidt
[1974]

Der Lebensweg von Fritz Schmidt, geb. 19.1.1885 in Eichberg Kreis Bunzlau.
Diese Zeilen sollen meinen Lebensweg noch einmal zurückgehen und meinen Nachkommen wissen lassen, daß des Lebens höchster Sinn die Arbeit ist.
Am 19. Januar 1885 wurde ich als ältester Sohn des Kunstgärtners Johann Heinrich Schmidt (geb. 28.11.1858) und seiner Ehefrau Anna Marie geb. Jauer (geb. 25.11.1858) in Eichberg, Kreis Bunzlau/Schlesien, geboren und am 8. Februar 1885 in der Kirche von Nieder-Schönfeld, Kreis Bunzlau, getauft.
In den Jahren 1885 bis 1888 wechselte mein Vater mehrfach seine Stellungen, um vorwärtszukommen, denn er war von Natur ein Streber. So wohnten wir nacheinander in Würschwitz, Druse und Kleinschwein. Das sind kleine Orte, die alle im Kreis Glogau/Niederschlesien liegen.
Vom 1. April 1891 bis 27. März 1899 besuchte ich die Volksschule zu Grammschütz, Kreis Glogau. Und da es für die Nachkommen immer interessant ist zu lesen, mit welchen Zeugnissen die Väter, Großväter, Urgroßväter und weiter, denn früher heimgekommen sind, seien hier die Ergebnisse meines Schulbesuchs aus dem Schulentlassungs-Zeugnis wahrheitsgemäß wiedergegeben:
[linke Spalte]
Fleiß und Verhalten: Recht gut
Religion: Recht gut
Lesen: Recht gut
Sprachlehre: Recht gut
Naturgeschichte: Gut
Turnen: Gut
Gesang: Ziemlich gut
Zeichnen: Ziemlich gut
[rechte Spalte]
Schulbesuch: Regelmäßig
Geschichte: Recht gut
Schrifl. Arbt: Recht gut
Rechnen: Recht gut
Geographie: Recht gut
Naturlehre: Gut
Schönschreiben: Befriedigend
[Damalige Noten 'Recht gut' entsprachen dem 'Sehr gut' von heute.]
Der Schulweg war rund 6,5 km lang. Damals fehlte jegliche Fahrgelegenheit. Also hieß es, sommers wie winters über, den Hinweg und Heimweg zu Fuß zu bewältigen.
Ostern 1897 übersiedelten meine Eltern nach Stron, Kreis Oels in Schlesien. Bereits am 1. April 1898 trat mein Vater eine Stellung als Privatförster in Niegsen, Kreis Wohlau, an. Das Forsthaus, in dem wir nun wohnten, stand im Wald bei Zuchline. Von hier aus betrug der Schulweg nach Polgsen rund 4 km. Ostern 1899 wurde ich in der dortigen Kirche konfirmiert. Da meine Eltern im April 1899 wieder wegzogen, diesmal nach Wilhelmsburg-Nimmersatt, Kreis Bolkenhain, wo mein Vater eine andere Stellung als Förster antrat, kam ich am 25. Mai 1899 als Schmied in die Lehre des Schmiedemeisters Karl Renner in Bolkenhain. Diese Lehre war sehr, sehr hart und nach heutigen Begriffen fast unmenschlich, denn Schläge mit dem Ochsenziemer aus Meisterhand und mit einer dünnen Bandeisenschiene vonseiten des Meisters oder Gesellen waren an der Tagesordnung. Darüber daheim zu klagen, hatte keinen Erfolg, denn mein Vater stand auf dem Standpunkt: "Lerne erst einmal gehorchen, ehe Du befehlen lernst!"
Am Beruf des Hufschmiedes hatte ich von Anfang an keinen Gefallen. Aber ein Aufbegehren wagte ich nicht. Wohl hat mir dann im späteren Leben diese harte Lehre als Schmied das Fortkommen und Vorankommen viel genützt, aber oft habe ich daran denken müssen, daß man an jungen Bäumen nicht gar zu viel herumschneiden und junge Menschen niemals in einen Beruf zwingen soll, an dem sie von vornherein keinerlei Gefallen finden. Ich steckte jedenfalls damals die öftere Dresche mit trotziger Verbissenheit ein, und im Lehrzeugnis vom 22. Juni 1902 hieß es dann trotzdem noch, daß ich mir "die Kenntnisse und Fertigkeiten zur Ausführung der in das Schmiedehandwerk einschlagenden Arbeiten angeeignet und mich während meiner Lehrzeit gut geführt" hätte. Die anschließende Gesellenprüfung bestand ich vor dem Prüfungsausschuß der Handwerkskammer zu Liegnitz immerhin mit "Gut" im Praktischen und mit "Gut" im Theoretischen.
Mein größter Wunsch von Jugend auf war, "Maschinenschlosser" zu werden. Das erlernte Schmiedehandwerk kam mir natürlich dabei später zustatten. Nur, durch den Stellungswechsel meines Vaters fanden wir für mich keine solche Lehrstelle. Die Schmied-Lehre war die einzige, die noch für mich blieb, Eines hat diese Lehrzeit aber bewirkt: Ich wurde hart im Nehmen von Schicksalsschlägen, die auch mir nicht erspart blieben.
Nur wenige Monate blieb ich am Ort meines "Glückes" von drei Jahren. Dann zog ich aus meiner, aus einem Lattenverschlag bestehenden Dachkammer aus in die Welt, immer noch mit dem großen Sehnsuchtsziel, als Maschinenschlosser die Erfolgsleiter emporzuklimmen. Doch darüber sollte noch manches Jahr, oft mit der einen oder anderen bitteren Enttäuschung gewürzt, vorübergehen. Schon damals war es nicht ganz leicht, als "Grobschmied mit Volksschulbildung" vorwärtszukommen und die erste Stufe der Erfolgsleiter zu erklimmen. Noch war ich jung, aber mein Sehnen und Streben war doch schon eine verantwortungsreiche "bessere" Stellung. Der Weg war mühsam, und ich schaffte es dann doch noch einigermaßen. Und nun will ich aus meinen Zeugnissen von meinen späteren Arbeitsjahren weitererzählen:
Bei meinem Lehrmeister mit dem Ochsenziemer blieb ich nur reichlich 4 Monate noch als Geselle. Er schrieb mir ins Abgangszeugnis, daß ich mich während dieser Zeit "sehr gut betragen" hätte und auf eigenen Wunsch wegginge. Mein nächster Chef war der Wagenbauer Robert Hempel in Leutersdorf im Königreich Sachsen. Er baute und reparierte hauptsächlich Ackerwagen. Hufbeschlag war nicht dabei. Aber als Schmiedegeselle konnte ich ihm gut zur Hand gehen. Hier arbeitete ich vom 7. März 1904 bis 30. September 1905 unter 12 Gesellen. Dann mußte ich für ein Jahr des Königs Waffenrock anziehen. 27 Pfennig Tageslohn während dieses Jahres ließ mich noch mehr den Wert des Geldes schätzen. Hernach arbeitete ich erneut beim Wagenbauer Hempel bis 1907. Einen kleinen Hopser aufwärts machte ich 1909, als ich im Juni als Heizer zur Firma Julius Lange, Mechanische Jacquard-Webereien, in Waltersdorf bei Zittau ging.
Es war der Beginn eines zweiten Lebensabschnittes, denn es war mein Hinüberwechseln zur Industrie. Bis August 1910 blieb ich an diesem Platz, den ich laut Zeugnis "mit Gewissenhaftigkeit, Pflichttreue, Ehrlichkeit und Fleiß" ausgefüllt hatte, bevor ich auch hier wieder auf eigenen Wunsch wegging.
Einige Jahre vorher hatte ich Emma Lina Hamann, die Tochter des Bäckermeisters und Besitzers der "Schloßmühle" in Leutersdorf bei Zittau und dessen Ehefrau Auguste Rahele geb. Stöcker, kennengelernt. Am 26. Februar 1907 heirateten wir, und von da ab ging unser gemeinsamer Lebensweg. Sie ging mit mir durch "Dick und Dünn", zumal unser Anfang sehr schwer war, und auch in der Folgezeit mußten wir öfters beide Aermel "aufwickeln" und mitunter die Zähne hart zusammenbeißen.
Mein Heizerdasein verbesserte sich, als ich bei der Firma Lange zeitweise bereits als Maschinist aushalf. Dafür bescheinigte mir eigens deren Maschinenmeister Halank "meinen Fleiß, meine Ordnungsliebe und insbesondere meine Vorsichtigkeit".
Von Ende August 1910 bis 1. Juni 1912 konnte ich endlich als Schlosser in der Maschinenbau-Anstalt von August Neumann in Flämischdorf bei Neumarkt bei Breslau arbeiten, wo ich noch viele neue Fachkenntnisse hinzuerlernen konnte.
Die nächste Etappe war die Schlesische Cellulose- und Papierfabriken Aktiengesellschaft in Maltsch an der Oder, wo ich vom 3. Juni bis 31. Dezember 1912 als Schlosser beschäftigt war. "Mit seinen Leistungen und seinem Betragen waren wir stets außerordentlich zufrieden", besagt das Zeugnis dieser Firma, die ich - wie auch in allen anderen früheren Fällen - auf eigenen Wunsch verließ.
Jetzt war ich mit meinen inzwischen vermehrten Fachkenntnissen soweit, um ein größeres Wagnis einzugehen. Wenige Tage vor meinem 28. Geburtstage trat ich eine Stellung als Maschinenmeister bei der Firma J. G. Gulich u. Söhne, Mechanische Weberei in Waltersdorf in Sachsen, an. Daß ich dort alle erforderlichen Reparaturen an den Webereimaschinen des Betriebes laut Zeugnis "zur vollsten Zufriedenheit" ausführen konnte, mag zeigen, daß ich mich inzwischen auf "einiges verstand". Im Zeugnis der Firma heißt es nämlich außerdem: "Fritz Schmidt hat als Maschinenmeister es verstanden, auch unseren Dampfkessel und die Dampfmaschine trotz schlechter Kohlenverhältnisse stets in Betrieb und in gutem Zustand zu halten". Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges beendete hier meine aussichtsreiche Karriere.
Es folgten vier Jahre Krieg und Entbehrung. Entbehrung und Tapferkeit auch daheim für Muttel mit noch drei jungen hungrigen Mäulern. Währenddem stand ich im Feld.
Im November 1919 legte ich vor dem Gewerbe-Aufsichtsamt Dresden mit Erfolg die Prüfung als Heizer und Maschinist ab, die mir gestattet hätte, auch in staatliche Dienste überzutreten. Mir wurde bescheinigt, daß ich "diejenigen Kenntnisse besitze, die zu einer sachgemäßen Bedienung von Dampfkessel- und Dampfmaschinen-Anlagen erforderlich".
Während der ersten Nachkriegszeit arbeitete ich bis Januar 1921 in den Armaturenwerken Blanke u. Rast in Dippoldiswalde in Sachsen, die mir bei meinem Abgang den "zuverlässigen Mann" bescheinigten.
Meine mit erfolgreichste Stellung begann am 20. Januar 1921 bei den Muldentalwerken, einer Aktiengesellschaft in Freiberg und Großenhain in Sachsen, die Papiere und Pappen, Feinpappen für Koffer usw. fabrizierte. Dort war ich bereits in "gehobener" Stellung als maschinentechnischer und elektrotechnischer Leiter bis zum 31. März 1924 tätig. Neben einem sehr guten Zeugnis der Firma erhielt ich zusätzlich von den beiden Direktoren des Unternehmens noch ein Zeugnis des Inhalts:
a) "Herr Fritz Schmidt ist zu meiner vollen Zufriedenheit wirklich unermüdlich tätig gewesen und hat die früher maschinell schlecht betreute Anlage in Ordnung gebracht. Ich kann ihm heute bei meinem Dienstaustritt nur die Anerkennung aussprechen, daß ich ihm einen großen Teil meines Erfolges dadurch verdanke, daß er die Rekonstruktionsarbeiten mit viel Geschick und Verständnis durchführte. Herr Schmidt ist nicht nur bei Neubauten, Montagen und Reparaturen verläßlich, sondern er hat auch die große elektrische Anlage in fachtechnisch bester Weise betreut. Direktor Lechthaler"
b) "Herr Schmidt hat es nie unterlassen, durch unermüdlichen Fleiß und Umsichtigkeit alles aufzubieten, was dem Betrieb förderlich war. usw. usw. Direktor Wunsch".
Am 1. April 1924 wechselte ich zur Firma Papierfabrik Limmritz-Steina, Aktiengesellschaft, Steina-Limmritz bei Döbeln in Sachsen über. Dort war ich zunächst als Maschinenmeister in der Papierfabrik mit Holzschleiferei Saalbach tätig. Aber am 1. März 1930 übertrug man mir den Werkführerposten in der Holzschleiferei Limmritz. In dieser Eigenschaft oblag mir die Führung und Beaufsichtigung des gesamten Fabrikbetriebes - und damit hatte ich mit 39 Jahren auf der Höhe meines Lebens ein Ziel erreicht, das sich sehenlassen konnte, berücksichtigt man, wie ich mich ohne besondere Mithilfe aus eigener Kraft, aus einfachen Verhältnissen emporgearbeitet habe.
Weihnachten 1937 starb plötzlich meine treue und liebenswerte Lebensgefährtin. In über dreißigjähriger Ehe gab sie meinem Leben Inhalt, und immer war sie da, wenn ich abgeschafft von schwerer Arbeit heimkam oder nachts zu unzähligen Malen in den auch nachts arbeitenden Betrieb gerufen wurde. Dankbar gedenke ich ihrer, denn sie hat mit mir gemeinsam dem mitunter sehr harten Schicksal getrotzt.
Der Krieg kam, und Ende April 1938 gab ich die Stellung in Limmritz auf. Meine Kinder Hildegard und Herbert hatten 1935 geheiratet und waren verzogen, und ich selbst siedelte nach Kassel über, wo ich im Oktober 1938 bei Henschel u. Sohn, Kassel, einer Weltfirma, in der Abteilung Prüffeld als Sachbearbeiter für Schmieröle und Fette tätig wurde. Als das Unternehmen infolge eingetretener Kriegsereignisse zur Betriebseinschränkung übergehen und das Dienstverhältnis mit mir Ende März 1945 lösen mußte, bescheinigte es mir: "Er ist ein her vorragender Kenner der Oel- und Fettbranche."
Im März 1941 verheiratete ich mich mit Martel verw. Fischer geb. Wolfram in Kassel. Die Nachkriegsjahre verlebe ich in Kassel. Mein Lebensweg ist somit vollendet, und Ort und Zeit, wenn auch ich einmal abberufen werde, hat unser Herrgott sich allein vorbehalten.
Vallendar Rh., bei meiner Tochter Hildegard, am 19. Oktober 1958
[gez. Fritz Schmidt]

1960-11-25
Mein letzter Wille!
Nach meinem Ableben werde ich eingeäschert.
Die Feierlichkeiten zur Einäscherung, die Beisetzung der Urne, sowie die Urne selbst hat in einfachster Form zu erfolgen.
Keine Zeitungsannonce, da die Feierlichkeiten in aller Stille vor sich gehen sollen. Von Kranzspenden und sonstigem Schmuck ist abzusehen. Der hierfür von den Betreffenden vorgesehene Betrag soll der 'Blindenstelle Kassel' zu-gute kommen, denn das sind die 'Aermsten der Armen'.
Meine Urne wird, aus bestimmten Gründen, in einem kleinen Reihen-Urnengrab beigesetzt. Die kleine Grabstätte wird über und über mit Efeu bepflanzt und zwar so bald es sich nach Beisetzung der Urne tun läßt, dann ist die Grabstätte stets in Ordnung. Ich möchte hiermit jede Grabpflege ausschalten, auch wünsche ich für die weitere Zeit weder Blumen noch sonstigen Schmuck.
Ferner wünsche ich nicht das Setzen, wenn auch nur [einer] kleinen Platte, mit Namen und sonstigen Daten.
Laut Sparkassenbuch Nr. 801984 der Stadtsparkasse Kassel habe ich einen Betrag von DM 1000,- (i.W. Eintausend) für alle Unkosten hinterlegt, außerdem zahlt die 'Flamma' noch einen kleinen Betrag.
Da ich in meiner letzten Ehe in all den Jahren um des lieben Friedens willen meinen Willen zurückstellen mußte, so bitte ich insbesondere Euch, meine lieben Kinder, diesen meinen letzten Willen zu respektieren.
Kassel, den 25.11.1960. Fritz Heinrich Alexander Schmidt.
[Umschlag:] Mein letzter Wille. Nach meinem Tode zu öffnen.
Anmerkung Karl Herbert Schmidt, 1974: Geschrieben von meinem 76jährigen Vater; ein Jahr vor seinem Tode. - Einige seiner Wünsche konnten wir nicht erfüllen, weil sie uns nicht früh genug bekannt geworden waren - einige seiner Wünsche haben wir nicht erfüllt, weil wir annehmen, daß er sie zurückgestellt hätte, wenn ihm unsere Absichten durchschaubar gewesen wären: Die Grabstelle in Technitz konnte nicht ein ewiger Mahner bleiben!

Alexander Schmidt, 31.12.2003